Worauf sollte man bei der Bremsausstattung eines E-Bikes achten? Hydraulische Scheibenbremsen sind nur der Anfang

Beim Kauf eines E-Bikes vergleichen die meisten Menschen zuerst Motorleistung, Akkukapazität und Reichweite. Bei den Bremsen steht auf der Produktseite dagegen oft nur eine kurze Angabe wie:

„Hydraulische Scheibenbremsen vorne und hinten.“

Doch „hydraulische Scheibenbremse“ beschreibt zunächst nur, dass die Bremskraft hydraulisch übertragen wird. Daraus lässt sich noch nicht ableiten, ob die Bremsanlage tatsächlich zum jeweiligen E-Bike passt.

Zwei E-Bikes können beide mit hydraulischen Scheibenbremsen ausgestattet sein und sich trotzdem deutlich bei Bremskraft, Dosierbarkeit, Verhalten bei Nässe und Stabilität auf längeren Abfahrten unterscheiden.

Entscheidend ist deshalb, ob Bremsanlage, Fahrzeuggewicht, Einsatzzweck und Reifenhaftung sinnvoll aufeinander abgestimmt sind – und ob die Bremsleistung tatsächlich geprüft wurde.

1. Nicht nur auf die Marke, sondern auf das konkrete Bremsenmodell achten

Die Angabe „hydraulische Scheibenbremse einer bekannten Marke“ reicht für eine sinnvolle Bewertung nicht aus.

Innerhalb einer Marke können sich Bremssättel, Bremshebel und vorgesehene Einsatzbereiche deutlich unterscheiden. Vor dem Kauf sollte deshalb möglichst das konkrete Modell geprüft werden und nicht nur der Markenname.

Ein 2-Kolben-Bremssattel ist vergleichsweise einfach aufgebaut und kann für viele Stadt-, Pendel- und Alltags-E-Bikes vollkommen ausreichend sein.

Ein 4-Kolben-System besitzt in der Regel eine größere Bremsbelagfläche und wird häufiger bei höheren Lasten, Mountainbikes oder langen Abfahrten eingesetzt.

Vier Kolben sind jedoch nicht automatisch für jeden Nutzer besser. Der Bremssattel muss immer zusammen mit folgenden Faktoren betrachtet werden:

  • Bremsscheibengröße;

  • Bremsbelag;

  • zulässiges Gesamtgewicht;

  • Einsatzbereich des E-Bikes.

2. Die Größe der Bremsscheibe beeinflusst Bremsmoment und Wärmeabfuhr

Typische Bremsscheibengrößen bei E-Bikes sind:

160 mm, 180 mm und 203 mm.

Bei vergleichbarem Bremssattel, Bremsbelag und Hydraulikdruck bietet eine größere Bremsscheibe einen größeren wirksamen Radius und in der Regel auch mehr Fläche für die Wärmeabfuhr.

Rein anhand des Nenndurchmessers ist der Radius einer 180-mm-Scheibe beispielsweise 12,5 % größer als bei einer 160-mm-Scheibe. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die tatsächliche Bremsleistung des gesamten Fahrrads ebenfalls um 12,5 % steigt.

Grundsätzlich sollte je nach Einsatzbereich auf unterschiedliche Eigenschaften geachtet werden:

Flache Stadtstrecken:
Gute Dosierbarkeit, geringe Geräuschentwicklung und einfache Wartung.

Schwerere City-E-Bikes:
Ausreichende Bremsleistung am Vorderrad und genügend thermische Reserven.

Cargo-E-Bikes oder Fahrräder mit Kindersitz:
Abstimmung von Vorder- und Hinterradbremse auf das zulässige Gesamtgewicht.

Mountainbike und lange Abfahrten:
Größere Bremsscheiben und eine gute Hitzebeständigkeit.

Eine größere Bremsscheibe ist allerdings nicht grundsätzlich besser. Gabel, Rahmen, Bremssattelaufnahme und Adapter müssen für die jeweilige Scheibengröße ausgelegt sein.

3. Bremsbeläge beeinflussen Geräuschentwicklung, Hitzebeständigkeit und Verschleiß

Die Bremsbeläge erzeugen durch den direkten Kontakt mit der Bremsscheibe die eigentliche Reibung. Trotzdem werden sie beim Kauf eines E-Bikes häufig kaum beachtet.

Resin- bzw. organische Bremsbeläge arbeiten häufig leiser und bieten eine gut kontrollierbare Bremswirkung bereits bei geringer Betätigungskraft. Dadurch eignen sie sich gut für Stadtverkehr und alltägliche Nutzung.

Bei Schmutz, hohen Temperaturen oder längeren Abfahrten sollte jedoch stärker auf Hitzebeständigkeit und Verschleiß geachtet werden.

Metallische bzw. gesinterte Bremsbeläge sind üblicherweise hitzebeständiger und verschleißfester. Sie eignen sich daher besonders für Mountainbikes, höhere Lasten und feuchte Bedingungen.

Dafür können sie stärker hörbare Bremsgeräusche verursachen und die Bremsscheibe stärker beanspruchen.

Es gibt deshalb kein grundsätzlich „besseres“ Material. Entscheidend ist, welcher Bremsbelag zum tatsächlichen Einsatzbereich passt.

4. Bei der Bewertung der Bremsen muss das Gesamtgewicht berücksichtigt werden

Eine Bremsanlage muss nicht nur das Eigengewicht des E-Bikes verzögern.

Zur tatsächlich bewegten Masse gehören unter anderem:

  • Fahrer oder Fahrerin;

  • Akku;

  • Gepäck;

  • Kindersitz;

  • Transportboxen;

  • weiteres Zubehör.

Deshalb ist es wichtiger, das zulässige Gesamtgewicht des E-Bikes zu kennen, als lediglich die Marke der Bremse miteinander zu vergleichen.

Dieselbe Bremsanlage kann an einem leichten Pendler-E-Bike einer völlig anderen Belastung ausgesetzt sein als an einem voll beladenen Cargo-E-Bike.

Wer regelmäßig Personen oder größere Lasten transportiert oder häufig in bergigen Regionen unterwegs ist, sollte deshalb besonders auf die Dimensionierung von Vorder- und Hinterradbremse sowie auf ausreichende thermische Reserven achten.

5. Eine gute Bremse muss nicht sofort blockieren

Ein sehr harter Bremshebel bedeutet nicht automatisch eine höhere Bremsleistung. Ebenso wenig ist eine Bremse besonders gut, nur weil das Rad bereits bei geringem Hebeldruck blockiert.

Eine gute Bremswirkung sollte progressiv, klar und gut dosierbar sein.

Mit zunehmender Betätigungskraft am Bremshebel sollte das Fahrrad kontrolliert stärker verzögern – und nicht abrupt zwischen „kaum Wirkung“ und „blockierendem Rad“ wechseln.

Ein ungewöhnlich weicher Bremshebel, ein sehr langer Hebelweg oder ein Bremshebel, der sich fast bis zum Lenker ziehen lässt, kann unter anderem auf folgende Ursachen hinweisen:

  • Luft im Hydrauliksystem;

  • verschlissene Bremsbeläge;

  • fehlerhafte Einstellung des Bremssattels;

  • Probleme an Leitungen oder Verbindungen.

Einige E-Bikes verfügen zusätzlich über ein Signal zur Motorabschaltung beim Bremsen. Die konkrete Funktionsweise hängt jedoch vom jeweiligen Antriebssystem ab.

Beim Kauf lohnt es sich deshalb zu fragen, wie die Motorunterstützung beim Bremsen beendet wird. Allein anhand der äußeren Form des Bremshebels lässt sich dies nicht zuverlässig beurteilen.

Was kann ein Labortest über die Bremsleistung aussagen?

Bauteilbezeichnungen und technische Daten zeigen zunächst nur, welche Komponenten verbaut wurden. Die tatsächliche Bremsleistung lässt sich erst durch entsprechende Prüfungen bewerten.

Am Beispiel des hydraulischen Bremssystems Jobobike HD-E3520 wurde die Vorderradbremse unter den im Prüfbericht definierten Bedingungen getestet. Dabei wurden sowohl trockene als auch nasse Bedingungen berücksichtigt und die Bremskraft bei unterschiedlichen Betätigungskräften am Bremshebel dokumentiert.

Prüfergebnisse

Trockene Vorderradbremse
Vorgeschriebener Mindestwert: 350 N
Gemessener Wert: 354,1 N

Nasse Vorderradbremse
Vorgeschriebener Mindestwert: 180 N
Gemessener Wert: 217,6 N

Beide Prüfungen wurden als bestanden bewertet.

Zusätzlich wurden bei unterschiedlichen Betätigungskräften folgende Werte dokumentiert:

40 N Betätigungskraft
Trocken: 263,7 N
Nass: 217,6 N
Verhältnis Nass/Trocken: ca. 83 %

60 N Betätigungskraft
Trocken: 354,1 N
Nass: 350,4 N
Verhältnis Nass/Trocken: ca. 99 %

80 N Betätigungskraft
Trocken: 463,5 N

100 N Betätigungskraft
Trocken: 577,3 N

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bremse unter den im Prüfbericht definierten Trocken- und Nassbedingungen die entsprechenden Anforderungen erfüllte. Gleichzeitig nahm die erzeugte Bremskraft mit steigender Betätigungskraft am Bremshebel kontinuierlich zu.

Ein Bauteiltest auf dem Prüfstand darf jedoch nicht mit dem tatsächlichen Bremsweg eines kompletten E-Bikes im Straßenverkehr gleichgesetzt werden.

In der Praxis beeinflussen unter anderem folgende Faktoren das Bremsverhalten:

  • Reifen;

  • Fahrbahnoberfläche;

  • Gesamtbeladung;

  • Geschwindigkeit;

  • Verteilung der Bremskraft zwischen Vorder- und Hinterrad.

Professionalität bedeutet deshalb nicht nur, eine Prüfbescheinigung vorlegen zu können. Ebenso wichtig ist zu verstehen, was genau geprüft wurde – und welche Aussagen ein solcher Test nicht ersetzen kann.

Fünf Minuten Probefahrt: Diese drei Punkte sollte man prüfen

1. Bremshebel im Stand kontrollieren

Das Fahrrad zunächst im Stand halten und Vorder- und Hinterradbremse getrennt betätigen.

Dabei prüfen:

  • Passt die Entfernung des Bremshebels zur Handgröße?

  • Ist der Leerweg ungewöhnlich lang?

  • Sind Bremssattel und Leitungsverbindungen fest?

  • Gibt es sichtbare Undichtigkeiten?

2. Bei niedriger Geschwindigkeit kontrolliert bremsen

In einem flachen, freien und sicheren Bereich langsam fahren und die Bremskraft schrittweise erhöhen.

Die Verzögerung sollte gleichmäßig und gut kontrollierbar sein.

Auffällig wären beispielsweise:

  • deutliches Ziehen zu einer Seite;

  • starke Vibrationen;

  • ungewöhnliches Ruckeln;

  • dauerhaftes Schleifen oder starke Geräuschentwicklung.

3. Mehrmals normal abbremsen

Nach mehreren normalen Bremsvorgängen sollte geprüft werden:

  • Wird der Hebelweg deutlich länger?

  • Nimmt die Bremsleistung spürbar ab?

  • Wird die Motorunterstützung entsprechend der vorgesehenen Steuerungslogik beendet?

Für eine private Probefahrt ist es nicht notwendig, bei hoher Geschwindigkeit absichtlich Vollbremsungen durchzuführen. Dadurch würde lediglich ein unnötiges Unfallrisiko entstehen.

Diese 6 Fragen sollten Sie vor dem E-Bike-Kauf stellen

  • Welche Marke und welches konkrete Modell hat die Bremsanlage?

  • Welchen Durchmesser haben die Bremsscheiben vorne und hinten?

  • Besitzen die Bremssättel zwei oder vier Kolben?

  • Wie hoch ist das zulässige Gesamtgewicht des E-Bikes?

  • Welches Material wird bei den Bremsbelägen verwendet?

  • Wurde die Bremsanlage unter trockenen und nassen Bedingungen geprüft?

Fazit

Hydraulische Scheibenbremsen sind bei einem E-Bike eine wichtige Grundausstattung. Die Bezeichnung allein reicht jedoch nicht aus, um die tatsächliche Bremsleistung zu beurteilen.

Eine gut abgestimmte Bremsanlage sollte zur Fahrzeugmasse und zum vorgesehenen Einsatzbereich passen. Dabei müssen Bremssattel, Bremsscheiben und Bremsbeläge gemeinsam betrachtet werden. Zusätzlich können nachvollziehbare Prüfungen zeigen, wie sich das System unter definierten Bedingungen verhält.

Wer auf einer Produktseite deshalb die Angabe „hydraulische Scheibenbremsen“ liest, sollte noch einen Schritt weitergehen und fragen:

Welche Komponenten sind konkret verbaut – und wie wurde nachgewiesen, dass diese Bremsanlage zum jeweiligen E-Bike und seinem Einsatzzweck passt?

Quellen

International Organization for Standardization (ISO): ISO 4210-4:2023 – Fahrräder – Sicherheitsanforderungen für Fahrräder – Teil 4: Prüfverfahren für Bremsen
https://www.iso.org/standard/78079.html

International Organization for Standardization (ISO): ISO 4210-2:2023 – Fahrräder – Sicherheits- und Leistungsanforderungen
https://www.iso.org/standard/78077.html

DIN Media: DIN EN 15194:2024-03 – Fahrräder – Elektromotorisch unterstützte Räder – EPAC
https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-15194/354100210

TEKTRO: HD-E3520 hydraulisches Scheibenbremssystem für E-Bikes
https://www.tektro.com/en/product/304

SHIMANO: Einfach verständlicher Leitfaden zu Fahrradbremsen
https://bike.shimano.com/en-UK/stories/article/the-easy-to-understand-guide-to-brakes.html

SHIMANO: Metall- oder Resin-Bremsbeläge – welche Variante ist besser?
https://bike.shimano.com/en-SG/stories/article/shimano-mtb-brake-pads-are-metal-or-resin-pads-better.html

SHIMANO: ICE TECHNOLOGIES – Wärmemanagement bei Scheibenbremsen
https://bike.shimano.com/technologies/details/ice-technologies.html

SHIMANO: SM-RT66 Bremsscheibe – Informationen zur Bremsleistung und Bremsscheibengröße
https://bike.shimano.com/en-UK/products/components/pdp.P-SM-RT66.html

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